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Die OMNIMAT-Wählautomatik von BLAUPUNKT

DAS MECHANISCHE GEDÄCHTNIS DER BLAUPUNKT-RADIOS
18. Oktober 2026 durch
Die OMNIMAT-Wählautomatik von BLAUPUNKT
Timo Gschwendtner

Als BLAUPUNKT Anfang der 1950er-Jahre die OMNIMAT-Wählautomatik entwickelte, bestand „Senderspeichern“ noch nicht aus Elektronik, Speicherchips oder Mikroprozessoren. Die Aufgabe wurde mit Federn, Hebeln, Zahnrädern, Anschlagscheiben und präziser Mechanik gelöst. Das Ergebnis war bemerkenswert: Der Fahrer stellte einen Sender einmal von Hand ein, speicherte ihn auf einer Stationstaste – und konnte ihn anschließend mit einem einzigen Tastendruck wieder aufrufen. Damit nahm Blaupunkt bereits in den frühen 1950er-Jahren eine Funktion vorweg, die später bei praktisch jedem Autoradio selbstverständlich werden sollte: die Stationstaste.

Vom Abstimmknopf zur Stationstaste

Bei den frühen Autoradios musste ein Sender grundsätzlich über den Abstimmknopf gesucht werden. Das war im stehenden Fahrzeug kein großes Problem. Während der Fahrt sah die Sache anders aus: Der Fahrer musste auf die Skala schauen und gleichzeitig den Abstimmknopf so lange drehen, bis der gewünschte Sender sauber eingestellt war.

BLAUPUNKT begann deshalb schon früh mit Drucktastensystemen. 1952 erschien der A52KU mit einem sogenannten Self-Service-Drucktastenwähler. 1953 folgte mit dem Blaupunkt A253 die OMNIMAT-Wählautomatik. Die Idee war einfach: Nicht der Fahrer sollte sich jedes Mal an die genaue Position eines Senders erinnern müssen – das Radio sollte diese Position mechanisch speichern.

Wie speichert die OMNIMAT einen Sender?

Eine zeitgenössische Beschreibung aus der FUNKSCHAU von 1955 erklärt die OMNIMAT-Mechanik außergewöhnlich detailliert.

Der Benutzer stellt zunächst den gewünschten Sender ganz normal mit dem Abstimmknopf ein. Anschließend wird die gewünschte Stationstaste kurz angehoben und danach vollständig heruntergedrückt. Damit wird die augenblickliche Abstimmposition mechanisch auf dieser Taste gespeichert. Im Inneren besitzt jede Stationstaste eine eigene einstellbare Anschlagscheibe. Diese Scheibe ist mit einem Stößel verbunden. Über Umlenkhebel, Gestänge und eine gemeinsame Wippe wird die Abstimmechanik des Radios bewegt.

Während des Speichervorgangs wird die Anschlagscheibe zunächst freigegeben. Da das Radio bereits von Hand genau auf den gewünschten Sender abgestimmt wurde, befindet sich auch die gemeinsame Abstimmmechanik exakt an der richtigen Position. Beim anschließenden Niederdrücken der Taste legt sich die Anschlagscheibe an das Gestänge an und wird anschließend in genau dieser Stellung festgeklemmt. Das Ganze dauerte nur wenige Sekunden.

Was passiert beim späteren Drücken der Taste?

Jetzt zeigt sich die eigentliche Raffinesse der Konstruktion.

Wird eine gespeicherte Stationstaste gedrückt, bewegt ihr Stößel über die zugehörige Anschlagscheibe die gemeinsame Wippe. Deren Bewegung wird wiederum über Zahnräder beziehungsweise die Abstimmmechanik auf das Empfangsteil übertragen. Da jede Anschlagscheibe eine andere gespeicherte Position besitzt, bewegt jede Taste die Abstimmung an eine andere Stelle.

Die Mechanik „weiß“ also nicht, was beispielsweise 90,1 MHz bedeutet. Sie kennt nur: Taste 1 = mechanische Position A, Taste 2 = mechanische Position B und Taste 3 = mechanische Position C. Damit hat Blaupunkt die Frequenz eines Senders in eine mechanisch gespeicherte Position übersetzt.

OMNIMAT im Autoradio: induktive Abstimmung

Bei den Blaupunkt-Autoradios wurde das Prinzip besonders elegant umgesetzt.

Die FUNKSCHAU beschrieb 1956 ausdrücklich die „induktiv abgestimmte Omnimat-Wählautomatik“ von Blaupunkt. Dabei bestimmten die gespeicherten mechanischen Positionen die Bewegung von HF-Eisenkernen innerhalb von Zylinderspulen beziehungsweise Variometern.  Vereinfacht gesagt verändert ein solcher Eisen- beziehungsweise Ferritkern beim Hinein- und Herausbewegen die Induktivität einer Spule. Damit verändert sich die Resonanzfrequenz des Abstimmkreises – und somit der empfangene Sender.

Die Taste dreht also nicht einfach „irgendwie“ an einem Radio. Sie bringt das Abstimmelement mit hoher Wiederholgenauigkeit auf eine exakt vorher festgelegte Position. Gerade für ein Autoradio war diese Konstruktion attraktiv: Sie war kompakt, robust und kam weitgehend ohne komplizierte elektrische Steuerung aus.

Sender und Wellenbereich mit einem Tastendruck

Bei verschiedenen Geräten waren die Stationstasten mechanisch mit der Wellenbereichsumschaltung gekoppelt. War beispielsweise gerade ein Mittelwellensender eingestellt und der Benutzer drückte eine mit einem UKW-Sender belegte Taste, konnte das Radio gleichzeitig den richtigen Wellenbereich auswählen und die entsprechende Senderposition einstellen. 

Blaupunkt bewarb bei seiner „Weltstadtserie“ von 1953 genau diese Kombination. Beim Spitzengerät London wurde die aus dem Autoradio bekannte OMNIMAT-Technik übernommen und ermöglichte die gleichzeitige Auswahl von Sender und Wellenbereich. Damit rückte die eigentliche Radiotechnik für den Benutzer immer weiter in den Hintergrund. Der Fahrer musste nicht mehr wissen, auf welchem Band und an welcher Stelle der Skala sein Sender lag. Er musste nur noch die richtige Taste drücken.

Warum die OMNIMAT für Blaupunkt wichtig war

Historisch ist die OMNIMAT weit mehr als eine interessante mechanische Konstruktion.

Sie steht für einen grundlegenden Wandel bei der Bedienung des Autoradios. Bis dahin war das Radio in erster Linie ein Empfangsgerät, das der Benutzer aktiv abstimmen musste. Mit OMNIMAT begann das Gerät, Einstellungen für seinen Benutzer zu speichern und reproduzierbar wiederherzustellen.

Aus heutiger Sicht lässt sich darin ein direkter Vorläufer moderner Senderspeicher erkennen. Gleichzeitig passte das System hervorragend zum Autoradio. Eine möglichst einfache Bedienung war dort nicht nur komfortabel, sondern besonders sinnvoll, weil der Fahrer seine Aufmerksamkeit auf der Straße behalten sollte.

OMNIMAT ist nicht der automatische Sendersuchlauf SELECTOMAT

Eine wichtige Unterscheidung darf bei historischen Blaupunkt-Radios nicht fehlen: Die OMNIMAT-Wählautomatik ist kein automatischer Sendersuchlauf.

OMNIMAT ruft zuvor vom Benutzer gespeicherte Senderpositionen auf. Das Radio sucht dabei nicht selbstständig nach einem empfangbaren Sender. Diese Aufgabe übernahm bei Blaupunkt eine andere Entwicklung: der Selectomat-Stationsfinder, der unter anderem im Blaupunkt Köln eingesetzt wurde.

Zeitgenössische Fachliteratur trennt beide Systeme ausdrücklich. Während Blaupunkt bei Modellen wie Hamburg und Stuttgart die induktiv arbeitende OMNIMAT für voreingestellte Sender verwendete, gehörte der Köln zu einer wesentlich aufwendigeren Klasse automatischer Radios, die selbstständig nach empfangbaren Sendern suchen konnten - ähnlich zu den Konstruktionen der BECKER Radiowerke GmbH oder dem WONDERBAR-Radio der DELCO Corporation.